Frau Liebherr, Herr Liebherr, die Firmengruppe hat im Jahr 2018 mit 10.551 Mio. € einen neuen Rekordumsatz erzielt. Worauf führen Sie diese positive Entwicklung zurück?

Willi Liebherr: Wir haben im vergangenen Jahr vom anhaltenden Wachstum der Weltkonjunktur profitiert. Fast alle unsere Sparten konnten sich positiv entwickeln. Besonders stark sind wir letztes Jahr in den Bereichen Erdbewegung, Fahrzeugkrane und Mining gewachsen.

Isolde Liebherr: Was die weltweite Marktentwicklung angeht, so war die erneute Umsatzsteigerung in Europa sehr erfreulich. Unsere Geschäfte haben sich unter anderem in Deutschland, Frankreich und Großbritannien sehr gut entwickelt. Aus Asien und Ozeanien kamen ebenfalls sehr wichtige Impulse, insbesondere aus Australien und China. Um perspektivisch in Kernmärkten unser Wachstum zu unterstützen, konzentrieren wir uns auf deren gezielte Weiterentwicklung. Vor zwei Jahren haben wir beispielsweise in den USA die Aktivitäten unserer Firmengruppe in einer Vertriebs- und Servicegesellschaft gebündelt und sind nun dabei, unseren Standort in Newport News deutlich auszubauen. Auch in China haben wir entsprechende Maßnahmen ergriffen. In den kommenden zwei Jahren wird in Shanghai eine neue Zentrale für unser China-Geschäft entstehen.

Was waren Ihre persönlichen Highlights im abgelaufenen Geschäftsjahr?

Isolde Liebherr: Ein Höhepunkt war für mich die Eröffnung unserer neuen Produktionsstätte für Hausgeräte in Aurangabad (Indien). Damit erschließen wir einen weiteren wichtigen Wachstumsmarkt für unser Unternehmen. Besonders beeindruckend waren zudem die Kundentage des Liebherr-Werks in Ehingen (Deutschland). Hier wurde neben zwei neuen Krantypen eine beeindruckende Krankonstruktion präsentiert, die das Motto „In starker Verbindung“ symbolisierte. Ein Highlight im Bereich Hotels war außerdem die Wiedereröffnung des Hotels The Dunloe in Irland. In rund eineinhalb Jahren haben wir nicht nur das Restaurant, die Bar, die Rezeption, die Lobby und die Lounge modernisiert, sondern auch die Gärten aufgewertet.

Willi Liebherr: Sehr positiv war im Jahr 2018, dass sich die Gewinnungsindustrie weiter erholt hat. Wir haben es bereits angesprochen – unsere Mining-Sparte hat von dieser günstigen Marktsituation sehr profitiert und ihren Umsatz deutlich gesteigert. Ein Highlight im Bereich Komponenten war der Start von Serienlieferungen unserer Dieselmotoren-Serie D98 an einen nordamerikanischen Distributionspartner. Die Motoren werden in industriellen Stromaggregaten verbaut. Ein weiterer Höhepunkt war für mich zudem die Übernahme der Geschäftsaktivitäten eines Kranhändlers in Australien und Neuseeland. Diese Übernahme ist ein weiterer Schritt hin zur strategischen Internationalisierung der Sparte Turmdrehkrane. Erwähnenswert ist außerdem, dass die Auslieferung von Teleskop- und Radladern an einen Partner aus der Landwirtschaft begann. Mit dieser Vertriebskooperation werden wir neue Absatzpotenziale erschließen.

Das Betriebsergebnis hat sich im Vergleich zum Vorjahr nicht wesentlich verbessert. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Isolde Liebherr: Das diesjährige Betriebsergebnis entspricht unseren Erwartungen. Wir haben in der jüngeren Vergangenheit zahlreiche Neuinvestitionen getätigt, deren Wirkung sich erst in den kommenden Jahren niederschlagen und dafür sorgen wird, dass sich auch unser Betriebsergebnis wieder verbessert. Uns geht es immer um langfristigen Erfolg, nicht um die Momentaufnahme. Ein Beispiel hierfür ist etwa die Eröffnung der neuen Produktionsstätte in Indien.

Für den Erfolg eines Unternehmens spielt die Innovationskraft eine wichtige Rolle. Wie beurteilen Sie die Leistung der Firmengruppe in dieser Hinsicht?

Willi Liebherr: Unser Name steht für Spitzentechnologie, die unseren Kunden einen echten Mehrwert bietet. Und so soll es auch bleiben. Deshalb betreiben wir beispielsweise kontinuierliche Forschung in Kooperation mit verschiedenen Instituten und Hochschulen. Unsere Innovationskraft speist sich außerdem aus unserer enormen Produktvielfalt. Wir verfügen über umfangreiches Wissen aus den unterschiedlichsten Branchen, das wir gezielt branchenübergreifend einsetzen. Darüber hinaus haben wir die Schlüsseltechnologien für unsere Produkte in der eigenen Hand und sind in der Lage, maßgeschneiderte Lösungen für äußerst komplizierte Anforderungen zu erarbeiten. Natürlich haben wir Megatrends wie Konnektivität, Mobilität oder Urbanisierung erkannt und arbeiten an Lösungen zu den unterschiedlichsten Themenfeldern, die damit verbunden sind. Sei es autonomes Fahren, das Internet of Things oder der 3D-Druck, um nur wenige Beispiele zu nennen. Um es auf den Punkt zu bringen: Ich denke, wir verfügen über eine enorme Innovationskraft und ein erhebliches Potenzial für die Zukunft.

Isolde Liebherr: Mein Bruder sprach gerade die Kooperation mit Hochschulen im Bereich der Forschung und Entwicklung an. Wir haben im vergangenen Jahr einen neuen Zentralbereich geschaffen, dessen Aufgabe die gruppenweite Koordination unserer Forschungs- und Entwicklungsprojekte ist. Wir wollen damit den regelmäßigen Austausch unserer Sparten zu neuen Technologien fördern und Synergieeffekte erzielen. Ein Augenmerk gilt dabei dem Thema Digitalisierung. Um den digitalen Wandel erfolgreich meistern zu können, werden enorme Ressourcen benötigt. Als breit aufgestellte Firmengruppe haben wir die große Chance, diese auf mehrere Schultern verteilen zu können.

Die Art, wie wir uns fortbewegen, wird sich ändern – auf der Straße, auf den Schienen oder in der Luft. Können Sie da etwas konkreter werden? Wie gestaltet Liebherr diese Entwicklung mit?

Willi Liebherr: Die Mobilität von morgen wird effizienter, autonomer und umweltfreundlicher. Als führender Systemlieferant für die Luftfahrt- und Schienenverkehrsindustrie arbeiten wir systematisch an Lösungen für diese großen technologischen Herausforderungen. Beispielsweise, indem wir im Rahmen des Forschungsprojekts „More Electric Aircraft“ elektrische Komponenten und Systeme für Flugzeuge entwickeln, die effizienter sein werden, Gewicht einsparen und damit den Verbrauch senken. Auch den Schienenverkehr gestalten wir durch luftgestützte, effizientere Klimaanlagen umweltfreundlicher. Die Elektromobilität auf der Straße treiben wir voran, indem wir Turbokompressoren für brennstoffzellenbetriebene Fahrzeuge entwickeln und dabei auf bewährtes Wissen aus der Luftfahrt zurückgreifen.

Sie haben den Bereich der Luftfahrtausrüstungen und der Verkehrstechnik genannt. Inwiefern spielen alternative Antriebe auch für Ihre anderen Sparten eine Rolle?

Isolde Liebherr: Alternative Antriebe beschäftigen uns in nahezu allen Sparten. Im vergangenen Geschäftsjahr haben wir etwa mit dem LPS 420 E den ersten reinelektrischen Hafenkran auf den Markt gebracht. Auch bei den Baumaschinen gewinnen elektrische Antriebe an Bedeutung, insbesondere bei kleineren Maschinen für den Einsatz in Innenstädten.

Willi Liebherr: Die zentrale Herausforderung der Elektrifizierung ist bei allen diesen Anwendungen, wie in der Automobilindustrie auch, die Leistungsdichte von Batterien. Auf den Diesel können wir deshalb in der näheren Zukunft aufgrund seiner hohen Energiedichte nicht verzichten. Daher werden Hybridlösungen, wie der dieselelektrische Antrieb, weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Neben diesen und elektrischen Antrieben entwickeln wir erste Prototypen von Verbrennungsmotoren, die durch ein spezielles Vergasersystem mit Wasserstoff betrieben werden können.

Das Jahr 2019 ist „Bauma-Jahr“. Werden derartige Konzepte dort eine Rolle spielen und ist Liebherr gut auf diese internationale „Leistungsschau“ vorbereitet?

Willi Liebherr: Wir werden in diesem Jahr wieder mit zahlreichen Neuentwicklungen in München vertreten sein und dabei nicht nur technologische Highlights von heute, sondern auch richtungsweisende Lösungen für morgen vorstellen. Dazu gehören die elektrisch angetriebene Fahrmischer-Baureihe ETM sowie die elektrisch betriebenen Umschlagmaschinen LH 26 M und LH 110 C Gantry Port. Außerdem stellen wir eine neue Turmdrehkran-Baureihe mit Faserseil und neue XPower-Großradlader mit umfangreichen, intelligenten Assistenzsystemen vor. Wir sind gut aufgestellt und freuen uns auf den direkten Austausch mit Kunden, Partnern, Maschinenbetreibern und Brancheninteressenten. Nur so können wir die Zukunft gemeinsam meistern.

Die Bauma ist ein guter Gradmesser für die Stimmung in der Baubranche. In Europa ist sie 2018 weniger stark gewachsen als noch im Vorjahr. Eine ähnliche Entwicklung wird für die kommenden Jahre prognostiziert. Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für Liebherr?

Willi Liebherr: Das weniger starke Wachstum bereitet mir keine Sorgen. Die Baubranche in Europa ist nach wie vor stark ausgelastet, das wird sich voraussichtlich auf der Bauma wieder zeigen. Außerdem sind wir ja weltweit unterwegs, auch wenn Europa unsere bedeutendste Absatzregion ist. Aber viel wichtiger ist, dass wir in der Vergangenheit konjunkturschwächere Phasen immer sehr gut gemeistert haben, teilweise sogar mit steigenden Marktanteilen. Denn gerade in diesen Zeiten achten Kunden verstärkt auf die Qualität von Produkten. Das bedeutet, auch wenn sich das Wachstum abschwächen sollte, sind wir konkurrenzfähig.

Worauf freuen Sie sich im laufenden Geschäftsjahr besonders?

Isolde Liebherr: Wie schon angedeutet wird die Bauma einer der Höhepunkte des Jahres 2019. Ich freue mich zudem auf die Eröffnung unseres neuen Kundenzentrums für Hausgeräte in Ochsenhausen (Deutschland). Ein weiterer Meilenstein wird die Auslieferung des HLC 295000, des größten Krans, den wir jemals entwickelt haben. Er wird für die Installation von Windparks, im Öl- und Gas-Sektor sowie für den Rückbau von Offshore-Anlagen eingesetzt.

Willi Liebherr: Ich blicke den kommenden Monaten aufgrund der aktuellen Auftragslage sehr optimistisch entgegen und freue mich auf ein insgesamt gutes Geschäftsjahr. Ein besonderer Höhepunkt wird voraussichtlich der Erstflug der 777X von Boeing sein. Denn an Bord des weltgrößten Flugzeugs mit zwei Triebwerken ist Liebherr-Technik: ein leistungsstarkes Klappantriebssystem, durch das die Flügelenden nach der Landung nach oben geklappt werden können. Auch hier haben wir die technologische Entwicklung wieder einen Schritt voranbringen dürfen.

Vielen Dank für das Gespräch und die interessanten Einblicke!

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