Bei den Dimensionen unserer Großkrane lassen sich die neuen Modelle bis zur Weltpremiere nur schwer unter der Decke halten.

Josef Schick, Leiter Technischer Versuch

Auf acht Achsen in die Zukunft

Neuheiten aus Ehingen wissen auf der Bauma immer wieder zu überraschen. Auch wenn sie zu dem Zeitpunkt für Insider längst ein offenes Geheimnis sind. „Bei den Dimensionen unserer Großkrane lassen sich die neuen Modelle bis zur Weltpremiere nur schwer unter der Decke halten“, sagt Josef Schick, Leiter Technischer Versuch im Liebherr-Werk Ehingen. Das ist schon bei der Anfahrt zum Werksgelände des weltweit führenden Herstellers von Mobil und Raupenkranen nicht zu übersehen. Bereits weithin sichtbar recken sich hier in großer Zahl gewaltige gelbe und graue Gitter- und Auslegerprofile in den Himmel. Sie scheinen den Betrachter herbeizuwinken: „Schaut her, hier seht ihr die Zukunft der Krantechnologie!“

Da hätten sich die Kiebitze aus den Technologie-Blogs nicht zweimal bitten lassen, erinnert sich Schick. Seit dem letzten Jahr seien sie immer wieder um das Werksgelände gesichtet worden, wie sie einen Blick von der Ferne auf den neuesten Mobilkran-Boliden von Liebherr erhaschen wollten. Die Kenner hatten schon seit längerem geahnt, was Liebherr hier in seiner Konstruktions- und Entwicklungsabteilung auf den Weg bringt: einen neuen Achtachs- Mobilkran in einer neuen, bislang unerreichten Leistungsklasse.

Auf der Bauma feiert er nun ganz offiziell seine Weltpremiere: der LTM 1650- 8.1 in zwei Teleskopauslegervarianten von 54 und 80 Metern. Er tritt damit die Nachfolge des LTM 1500-8.1 an, des mit nahezu 600 Geräten meistverkauften Großkrans aller Zeiten. „Das sind große Fußstapfen“, weiß Bernd Boos, Leiter Konstruktion bei Liebherr in Ehingen.

Vor etwa dreieinhalb Jahren war für das Entwickler- und Tester-Team um Bernd Boos, Josef Schick und den anderen Entwicklungsverantwortlichen der Startschuss für das ambitionierte Projekt gefallen. „Es ging uns um maximale Leistung auf acht Achsen, um höchste Flexibilität und noch einmal weitere signifikante Tragkraftsteigerungen im Vergleich zum Vorgänger“, bringt Boosdie Herausforderungen der Konstrukteure auf den Punkt. Um dies möglichst schnell, effizient und zuverlässig zu erreichen, setzte Liebherr von Anfang an auf simultaneous engineering, also die möglichst frühe und umfassende Einbindung aller Entwicklungsbeteiligten über den gesamten Prozess. „Vom Produktmanagement über den Einkauf und Vertrieb bis zur Konstruktion, Tests und Validierung waren alle für das Projekt relevanten Kompetenzen von Anfang an eingebunden“, sagt Boos. Die Teamgröße hätte dabei je nach Projektstand von fünf bis zu 100 Liebherr-Spezialisten variiert.

„Jeder einzelne Projektschritt war spannend – immer ein bisschen anders und auf wirklich innovative Lösungen programmiert“, erinnert sich Konstruktionsleiter Boos. „Theorie und Praxis reichen sich bei solch einem Prozess die Hand. Da müssen wir als Ingenieure zwischendurch auch einmal den Blaumann und die Arbeitshandschuhe anziehen, um konstruktive Details und eventuelle Montage-Tücken „live“ am Kran zu erleben“, sagt er und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Dabei habe ich mir dann wohl auch das ein oder andere graue Haar an den Schläfen eingeheimst.“

Das ganz genaue Hinschauen und elegante Ergrauen hat sich aber offenbar gelohnt. Der LTM 1650-8.1 trumpft nun mit einer ganzen Reihe, zum Teil bahnbrechender Neuerungen auf. Der in München ausgestellte Prototyp fährt bei zwölf Tonnen Achslast mit seinem 54-Meter-Teleskopausleger und den vorderen Abstützungen. Der hintere Abstützkasten kann inklusive der Schiebeholme mit einem Hub angebaut und mit Schnellkupplungen verbunden werden. Der gesamte Arbeitsgang benötigt nur 20 Minuten. Bei einfachen Einsätzen mit der Grundausrüstung ist der Kran auch ohne den Einsatz eines Hilfskranes bereits in rund einer Stunde einsatzbereit, berichtet Versuchsleiter Josef Schick.

Das Konzept des LTM 1650-8.1 ist modular angelegt. Die Kunden können zwischen einem Auslegersystem von 54 Metern oder 80 Metern wählen. Benötigen sie beide Längen, muss nur das Teleskopteil 3 mit Rollenkopf gegen die Teleskopteile 3 bis 5 ausgetauscht werden, was mehr Einsatzflexibilität schafft. Darüber hinaus beläuft sich – je nach Ausrüstung mit oder ohne Teleskopauslegerabspannung – die Tragkraftsteigerung gegenüber dem Vorgängermodell auf 15 bis 50 Prozent. Hohe Kranbau-Ingenieurskunst zeigt sich in den diversen Gitterspitzen. „Maximale Effizienz bei einer Vielzahl von Anwendungen war unser Ziel“, berichtet Bernd Boos. So könne der Teleskopausleger – ganz gleich ob in der 54- oder 80-Meter-Variante – mit einer festen Gitterspitze von sechs bis 62 Metern Länge einfach und schnell verlängert werden. Maximale Höhe, Ausladung und Leistung böte darüber hinaus die wippbare Gitterspitze, die eine Länge von 21 bis 91 Metern erreicht.

Es gehörte zu den Aufgaben von Bernd Boos und Josef Schick, den Prototypen des Mobilkrans bei den Tests auf dem Werksgelände immer wieder „auf den Zahn zu fühlen“. Der Achtzylinder- Liebherr-Dieselmotor mit 505 kW (687 PS) und einem Drehmoment von 3.160 Nm bringt den Achtachser spielerisch in Fahrt. „Der Motor erfüllt die neue Abgasemissionsrichtlinie Stufe V und kann für Länder außerhalb Europas auch nach den dort gültigen Richtlinien gebaut werden, zum Beispiel Tier 4f für die USA oder Stufe IIIA für Low Regulated Countries“, sagt Josef Schick.

Es ging uns um maximale Leistung auf acht Achsen, um höchste Flexibilität und noch einmal weitere signifikante Tragkraftsteigerungen.

Bernd Boos, Leiter Konstruktion

Für das überaus agile Handling und die erstaunliche Wendigkeit sorgt das innovative 12-Gang-Getriebe „TraXon Torque“ von ZF sowie die Tatsache, dass alle acht Achsen gelenkt werden. „Der Drehmomentwandler unterstützt optimales Rangieren und Anfahren“, erklärt Josef Schick und fährt sogleich noch ein paar Extra-Schleifen. Die mechanisch gelenkten Achsen 1 – 4 sowie die elektro-hydraulisch gelenkten Achsen 5 – 8 ermöglichen den Einsatz von fünf unterschiedlichen Lenkprogrammen. Mit dem Programm „Allradlenkung“ kann der Mobilkran dabei selbst kleinste Radien meistern, im Programm „Hundegang“ lässt er sich sogar seitlich versetzen. „Maximale Fahrleistungen und Beweglichkeit sind ein Muss auf der Baustelle“, betont Testleiter Schick. Die Fahrabstimmung bietet neben dem bekannten „Power-Mode“ auch einen „Eco-Mode“, bei dem durch eine Absenkung der Schaltdrehzahlen Kraftstoff eingespart und zugleich die Lärmemission reduziert werden kann.

Nachdem Bernd Boos und Josef Schick den Mobilkran wieder in der Versuchshalle abgestellt haben und auf „ihr Werk“ schauen, sind sie sich einig. „Zu dieser Leistung hat auch die hervorragende Zusammenarbeit mit den anderen Liebherr-Sparten beigetragen. Wir können unsere Produkte besser machen, weil wir Komponenten nicht ausschließlich von der Stange kaufen müssen, sondern gemeinsam passgenau auf die Bedürfnisse des Krans abstimmen können“, sagt Konstruktionsleiter Bernd Boos.

Nach der Mobilkran-Premiere auf der Bauma werden sich die Liebherr-Entwickler nun aber nicht entspannt zurücklehnen. „Dann geht’s mit Volldampf weiter mit der Erprobung in Richtung Serie“, freut sich Josef Schick. Und nach dem Mobilkran sei ohnehin vor dem Mobilkran. „Wir haben da schon ein paar wirklich spannende Ideen für unsere 100-Tonnen-Klasse“, verrät Boos. „Es wird hier nie langweilig.“ Das werden auch die Kiebitze gerne hören.

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