Interview

Die Firmengruppe hat 2015 einen Umsatz von mehr als 9,2 Milliarden Euro erwirtschaftet. Wie beurteilen Sie das vergangene Jahr?

Willi Liebherr: Mit dem vergangenen Jahr können wir insgesamt sehr zufrieden sein: Wir haben den höchsten Umsatz in unserer Unternehmensgeschichte erzielt. Und das, obwohl die Weltwirtschaft im Vergleich zum Jahr 2014 an Fahrt verloren hat. Besonders freut uns, dass wir in fast allen Sparten gewachsen sind.

Wo lagen die Wachstumsmärkte?

Isolde Liebherr: Wir hatten vor allem in Westeuropa, Amerika und in Fernost / Australien erfreuliche Wachstumsraten. Besonders positiv war die Entwicklung zum Beispiel in Deutschland, den USA und Großbritannien, also in etablierten Industrienationen.

Wie war denn die Entwicklung in Schwellenländern wie Brasilien, Russland oder China?

Isolde Liebherr: In China konnten wir trotz konjunktureller Abkühlung ein Plus verzeichnen. Dass die Wirtschaft in Brasilien und Russland im vergangenen Jahr geschrumpft ist, haben auch wir zu spüren bekommen. Wir sind bereits seit mehr als 40 Jahren in Brasilien aktiv und haben dort schon einige Marktschwankungen erlebt. Sobald die Konjunktur wieder anzieht, sind wir zur Stelle. Erfreulich ist schon jetzt die Entwicklung im brasilianischen Windenergiesektor. Die Nachfrage hat hier deutlich zugenommen.

Und wie sieht es in Russland aus?

Willi Liebherr: Die politischen Spannungen zwischen Russland und dem Westen haben für uns sehr unterschiedliche Effekte. Insgesamt sind unsere Exporte nach Russland 2015 weiter zurückgegangen, auch wenn einige Produktbereiche sich positiv entwickelt haben. Gleichzeitig erhält unser Werk in Nizhny Novgorod durch den zunehmenden Druck auf Lokalisierung grundsätzlich Auftrieb. Wir fertigen dort ja einerseits für den Binnenmarkt, andererseits beliefern wir unsere eigenen Werke in Westeuropa mit Bauteilen aus Russland. Das Land ist traditionell ein sehr wichtiger Markt für uns und wird es auch bleiben. Deshalb hoffen wir auf eine rasche Entspannung der Lage dort.

Sie sagten eben, Liebherr sei in China gewachsen. Wie lässt sich das mit der schwächelnden chinesischen Konjunktur verbinden?

Willi Liebherr: China entwickelt sich allmählich zu einer reiferen Volkswirtschaft. Dies kommt uns zugute, denn ein entwickelter Markt erfordert immer auch technologisch anspruchsvollere Produkte und hochwertige Lösungen. Und aufgrund unseres breiten Produktprogramms haben wir im letzten Jahr in China Wachstum erzielen können. Wir positionieren uns gezielt als Partner für Kunden in chinesischen Schlüsselindustrien wie dem Luftfahrtsektor oder auch der Automobilindustrie, für die unsere Werkzeugmaschinen und Automationslösungen interessant sind. Gleichzeitig sehen wir in China auch weiterhin Potenzial im Bereich Baumaschinen und Mining oder bei den maritimen Kranen.

Frau Liebherr, welche Meilensteine haben das Jahr 2015 aus Ihrer Sicht geprägt?

Isolde Liebherr: Zum einen die Internationale Funkausstellung in Berlin. Mit BluPerformance haben wir dort eine ganz neue Generation von Kühl- und Gefriergeräten vorgestellt. Sie sind besonders energieeffizient und umweltfreundlich.

Ein weiteres Highlight war für mich die Auslieferung unseres ersten Hafenmobilkrans vom Typ LHM 800 nach St. Petersburg. Das ist der größte Hafenmobilkran, den es derzeit auf der Welt gibt.

Das 30-jährige Bestehen des Interalpen-Hotels Tyrol und die Feierlichkeiten zum hundertsten Geburtstag unseres Vaters Hans Liebherr waren ebenfalls Meilensteine. Wir haben auf dieser Veranstaltung viele Wegbegleiter von unserem Vater getroffen. Das war sehr beeindruckend und emotional. Sein erstes Produkt war der Turmdrehkran. Und die Tatsache, dass wir im letzten Jahr den größten Einzelauftrag in diesem Produktbereich in unserer Geschichte zu verzeichnen hatten, freut uns ganz besonders.

Und für Sie, Herr Liebherr?

Willi Liebherr: Wir haben im letzten Jahr gemeinsam mit Rolls-Royce ein Joint Venture gegründet, die Aerospace Transmission Technologies GmbH. Diese wird die Fertigungstechnologie für die Komponenten des Leistungsgetriebes des neuen UltraFanTM-Triebwerks von Rolls-Royce bereitstellen. Damit haben wir unser Leistungsspektrum im Luftfahrtbereich nochmals erweitert und unsere Technologiekompetenz neuerlich unter Beweis gestellt. Denn wir waren in der Lage, eine Technologie, die wir bereits im Hause haben, an eine neue Anwendung anzupassen. Hätten wir kein Know-how im Bereich der Getriebe, wären wir als Technologiepartner von Rolls-Royce sicherlich in diesem Fall nicht infrage gekommen.

Als wichtigen Meilenstein möchte ich außerdem nochmals den ersten Großauftrag von Boeing nennen: Wir werden für das Großraumflugzeug 777X das Klappsystem der Flügelenden, die Antriebseinheit und den Hydraulikmotor des Betätigungssystems der Flügelvorderkante sowie alle Stellantriebe für das Hochauftriebssystem liefern. Dies ist ein großer Erfolg für uns.

Ein weiteres Highlight des letzten Jahres war für mich eine Kooperation, die wir mit der Firma Claas eingegangen sind. Wir entwickeln nach den Wünschen von Claas einen auf die Landwirtschaft zugeschnittenen Teleskoplader. Die Fertigung wird in unserem Werk in Telfs erfolgen. Die ersten Geräte sollen bereits in zwei Jahren in Serie gehen. Außerdem möchte ich noch einen Großauftrag von Enercon im Bereich der Windenergie nennen, den wir zum Jahresende erhalten haben. Das Volumen dieses Auftrags zeigt einmal mehr, dass unsere Kunden auf zuverlässige Lieferanten setzen, die über viele Jahre hinweg höchste Qualität liefern können.

Isolde Liebherr: Und genau darin sind wir enorm stark.

Willi Liebherr: Ja, das ist richtig. Und abschließend vielleicht noch ein Wort zum Mining-Bereich: Auch wenn die Gewinnungsindustrie derzeit in einer schwierigen Lage ist, gab es im letzten Jahr mehrere erfreuliche Entwicklungen in diesem Produktbereich: Wir können mittlerweile auf eine 20-jährige Geschichte in der Fertigung von Mining-Trucks in Newport News, USA, zurückblicken. Darüber hinaus wurde der hundertste Truck vom Typ T 282 C nach Australien geliefert – dieser Muldenkipper hat ein Einsatzgewicht von bis zu 600 Tonnen. Eine wichtige Neuheit ist außerdem die Planierraupe PR 776 für Mining- und Gewinnungseinsätze, die größte hydrostatisch angetriebene Schubraupe der Welt. Wir haben also trotz der anhaltenden Marktschwäche an unseren Zielen festgehalten und unsere anspruchsvolle Produktpalette weiter überarbeitet und ausgebaut. Das hatte für uns oberste Priorität.

Trotz Umsatzsteigerung ist der Ertrag nochmals zurückgegangen. Beunruhigt Sie das nicht?

Isolde Liebherr: Nein, überhaupt nicht. Wir wissen ganz genau, wo wir Handlungsbedarf haben. Es gibt bei uns drei große Sparten, deren Ergebnissituation derzeit nicht zufriedenstellend ist. Allerdings befinden sich diese schon wieder auf einem guten Weg. Außerdem bewegen sich unsere Investitionen und Abschreibungen permanent auf sehr hohem Niveau, was sich ebenfalls auf das Ergebnis auswirkt.

Von diesen hohen Investitionen in unsere Zukunft wollen wir jedoch nicht abrücken, sondern unser Unternehmen auch weiterhin systematisch stärken. Hinzu kommen erhebliche Einflüsse von Währungskursentwicklungen, die sich im einen Jahr positiv, im anderen negativ auf das Ergebnis auswirken. Im letzten Jahr hat sich das Betriebsergebnis im Vergleich zum Vorjahr verbessert, der Rückgang im Ertrag ist also allein auf das Finanzergebnis zurückzuführen. Insgesamt sehen wir der Zukunft gelassen entgegen.

Wo lagen in diesem Jahr die Schwerpunkte bei den Investitionen?

Willi Liebherr: Wir haben über alle Sparten hinweg wieder erheblich investiert, unter anderem mit dem Ziel, Logistikprozesse an verschiedenen Standorten zu optimieren. Darüber hinaus waren unsere Komponenten ein Schwerpunkt. Wir haben diese Sparte in den vergangenen Jahren organisatorisch neu aufgestellt, mit dem Ziel, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu starken. Damit verbunden sind auch umfassende Investitionen, zum Beispiel an den Standorten Biberach, Bulle und Deggendorf.

An welchen Technologien hat die Firmengruppe im vergangenen Jahr vornehmlich gearbeitet?

Isolde Liebherr: In vielen Sparten beschäftigen uns ähnliche Themen – trotz unserer enormen Produktvielfalt. Wesentliche Themen sind zum Beispiel die Steigerung der Energieeffizienz und der Leichtbau von Produkten. Wichtig sind außerdem die Digitalisierung, Vernetzung und Automatisierung sowie die Servicefreundlichkeit unserer Maschinen und Systemlösungen.

Können Sie dazu ein Beispiel nennen?

Isolde Liebherr: Gerne. Vielleicht zum Stichwort „Digitalisierung“, und zwar bezogen auf die Planung und Überwachung von Baustellen durch unsere Kunden. Wir arbeiten hier als Systemanbieter daran, die einzelnen Prozesse am Bau über passende IT-Tools zu unterstützen. Heutzutage können zum Beispiel Baufirmen das Gelände automatisch vermessen. Wir können diese Vermessungsdaten wiederum für unsere Planungstools nutzen und darauf basierend die optimale Maschine für den jeweiligen Einsatz ermitteln. Gleichzeitig bieten wir unseren Kunden die Möglichkeit, die ausgewählte Maschine unter sehr realen Bedingungen zu testen – ähnlich wie in einem Flugsimulator. Darüber hinaus können wir Systeme zur Positionierung und Prozessdatenerfassung von Baumaschinen miteinander kombinieren. Dies gibt uns Antwort auf Fragen wie zum Beispiel: Wo steht die Maschine und wo genau müssen die nächsten Arbeitsschritte erfolgen?

Sie beschäftigen sich also mit der Baustelle der Zukunft...

Willi Liebherr: Ja, aber die Digitalisierung und Integration unserer Maschinen in vernetzte Baustellen ist natürlich nur ein Feld. Gleichzeitig wollen wir unser bestehendes Know-how immer auch in neue Anwendungen transferieren. Konkret sind dies zum Beispiel Technologien aus der Luftfahrt für die Raumfahrt, die Automobilindustrie oder den Schienenverkehr.

Wir führen derzeit unter anderem ein Projekt zur nachhaltigen Klimatisierung von öffentlichen Verkehrsmitteln im Auftrag des deutschen Umweltbundesamtes durch. Die Technologie hierzu stammt aus unserem Luftfahrtbereich. Die Vielfalt an Technologien und die Anpassung an verschiedenste Anwendungsbereiche zahlen sicherlich zu unseren Starken. Aber entscheidend ist nicht nur unsere Technologiekompetenz, sondern das Gesamtpaket, das wir unseren Kunden bieten. Meine Schwester hat eben die Stichworte Energieeffizienz und Servicefreundlichkeit unserer Maschinen genannt. Sie sind Teile eines Gesamtkonzeptes, das wir im Sinne unserer Kunden permanent optimieren. Hierzu zählt nicht nur ein hochqualitatives Produkt, sondern die Begleitung unserer Kunden über das gesamte Produktleben hinweg: Begonnen bei der Beratung vor dem Kauf, dem anschließenden energieeffizienten Einsatz der jeweiligen Maschine über den zuverlässigen Service bis hin zur Wiederaufbereitung einzelner Komponenten und zum Wiederverkauf der Maschine mit einem möglichst hohen Wert. Unser Ziel ist es, unseren Kunden in allen Phasen des Produktlebens einen Mehrwert zu bieten und ihnen mit handfesten Losungen verlässlich zur Seite zu stehen. Man könnte es als das „Rundum-sorglos-Paket“ von Liebherr bezeichnen. Und an diesem arbeiten wir nicht nur im Baumaschinenbereich hart, sondern in allen Sparten.

Frau Liebherr, Herr Liebherr, Sie beide wurden ja kürzlich in einer Image-Studie unter die beliebtesten Unternehmenslenker in Deutschland gewählt. Gleichzeitig hat die Firmengruppe Auszeichnungen in mehreren Arbeitgeberstudien erhalten. Was bedeutet Ihnen das?

Isolde Liebherr: Über solche Auszeichnungen freuen wir uns selbstverständlich. Allerdings stehen sie für uns nicht im Fokus unserer Arbeit. Wir konzentrieren uns vielmehr darauf, gute Arbeit zu leisten. Für uns ist die Firma mit ihren Mitarbeitern das Wichtigste. Und wenn wir gemeinsam mit ihnen Erfolg haben, dann ist das eine gute Sache.

Haben Sie eigentlich familienintern Spielregeln festgelegt, an die sich alle aktiven Gesellschafter halten müssen?

Willi Liebherr: Unsere Firma ist über mehr als sechs Jahrzehnte gewachsen. In dieser Zeit haben sich auch für die Gesellschafter gewisse Spielregeln herauskristallisiert. Wichtig ist zum Beispiel: Die Firma steht immer im Vordergrund, nicht der Einzelne. Und wir müssen immer den Kopf frei haben für das Geschäft. Es gehört zu unseren Prinzipien, dass wir nah am Geschehen sind, um die Dinge richtig beurteilen zu können. Die Konsequenz ist, dass alle Familiengesellschafter bereit sein müssen, große Verantwortung zu übernehmen.

Welchen Stellenwert hat Eigenverantwortung insgesamt in der Unternehmenskultur?

Isolde Liebherr: Eigenverantwortliches Arbeiten ist einer unserer Führungsgrundsätze. Unsere Aufgabe ist es, genau dafür die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Denn Eigenverantwortung motiviert viel mehr als Vorschriften. Uns wird oft gesagt, es sei schon beeindruckend, welche Freiräume wir den Mitarbeitern diesbezüglich geben. Wir sind davon überzeugt, dass uns dieses Prinzip erfolgreich macht. Außerdem arbeiten wir derzeit an unterschiedlichsten strategischen Projekten in der Personalentwicklung und im Employer Branding. Die Erwartungshaltung vieler junger Leute an ihren Arbeitgeber hat sich stark gewandelt. Darauf stellen wir uns ein.

In diesem Jahr feiert Liebherr bereits 66 Jahre Ausbildung – welchen Stellenwert hat die Ausbildung für das Unternehmen?

Willi Liebherr: Wir haben schon immer großen Wert auf die Aus- und Weiterbildung gelegt. In heutigen Zeiten, in denen viele von Fachkräftemangel sprechen, ist ein gutes Ausbildungsangebot für jedes Unternehmen Pflicht. Deshalb bieten wir jungen Menschen ein extrem breites Spektrum an Ausbildungsberufen und Weiterbildungsmöglichkeiten an, egal ob technisch oder kaufmännisch. Gleichzeitig gibt es bei uns verschiedene Möglichkeiten zum dualen Studium.

Zu guter Letzt: Wagen Sie einen Blick in das laufende Geschäftsjahr?

Isolde Liebherr: Insgesamt rechnen wir für das Jahr 2016 mit einem Umsatz, der sich in der Größenordnung des Vorjahres bewegen wird. Wir werden unsere weltweiten Aktivitäten weiter ausbauen und wieder erheblich in unsere Produktionsstätten und in unser Vertriebs- und Servicenetz investieren. Dabei bleiben wir unseren Prinzipien treu. Wir werden unseren Kunden als verlässlicher Partner zur Seite stehen und unser technologisches Know-how in ihrem Sinne einsetzen.

Frau Liebherr, Herr Liebherr, vielen Dank für dieses Gespräch.