Frau Liebherr, in der Vergangenheit haben jeweils Sie und Ihr Bruder an dieser Stelle das zurückliegende Geschäftsjahr bewertet. Heute beantworten Sie erstmalig zu viert unsere Fragen. Wie kommt es zu genau dieser Konstellation und welches Signal setzen Sie damit?

Isolde Liebherr: Unsere Firmengruppe wird seit mehreren Jahren von der zweiten und dritten Unternehmergeneration gemeinsam geführt. Einige unserer Kinder bzw. Nichten und Neffen sind bereits seit 2013 im Verwaltungsrat der Liebherr-International AG aktiv. Wir entscheiden gemeinsam über alle grundsätzlichen Fragen der Unternehmensführung. Deshalb wollen wir nun auch offiziell den Geschäftsverlauf gemeinsam bewerten. In diesem Jahr haben wir zusammen beschlossen, dass Jan und Stéfanie die dritte Generation vertreten und wir dieses Interview zu viert führen.

Die Firmengruppe wird von insgesamt acht Vertretern der Familie Liebherr geführt. Wie trifft man da Entscheidungen?

Willi Liebherr: Für alle unsere Entscheidungen sind Kommunikation und ein intensiver Informationsaustausch die Basis. Wir sind untereinander permanent im Dialog, diskutieren, verdichten Wissen und entscheiden dann gemeinsam. Dabei achten wir immer darauf, dass wir uns alle auf Augenhöhe begegnen.

Isolde Liebherr: Das bedeutet auch für uns ältere Generation, dass wir Vertrauen haben in die Entscheidungen der jüngeren Familiengesellschafter. Das Ganze funktioniert jetzt seit der Übergabe von Leitungsaufgaben an die dritte Generation vor Jahren sehr gut. Es war uns wichtig, dass wir das Thema Generationswechsel in der Firmenführung möglichst frühzeitig in die Wege leiten und eine harte Zäsur vermeiden.

Kommen wir nun auf das abgelaufene Geschäftsjahr zu sprechen. Die Firmengruppe hat 2019 mit 11.750 Millionen Euro das dritte Mal in Folge einen Rekordumsatz erzielt. Wie kommentieren Sie diese Entwicklung?

Jan Liebherr: Der Umsatz hat im vergangenen Jahr um 11,4 % zugenommen. Die Tatsache, dass wir so dynamisch gewachsen sind ist unter anderem unserer Diversifikation geschuldet. Es zeigt, dass wir mit unserem vielfältigen Produktprogramm gut aufgestellt und nicht von einzelnen Branchenentwicklungen abhängig sind. Es zeigt aber auch, dass unsere Kunden mit unseren Produkten und Services zufrieden sind. Denn unser zentrales Ziel ist es ja, ihnen mit unseren Lösungen einen echten Mehrwert zu bieten.

Ohne unsere Kunden wäre ein solches Wachstum nicht möglich gewesen. Besonders erfreulich ist, dass wir den Umsatz in allen Sparten gesteigert haben.

Wie haben sich die einzelnen Regionen entwickelt?

Stéfanie Wohlfarth: Wir hatten bemerkenswerte Zuwächse in Westeuropa und Nordamerika. Insbesondere in Deutschland, den USA und Kanada, also in etablierten Industrienationen, haben sich die Umsätze stark entwickelt.

Jan Liebherr: Wir sind allerdings auch in den großen Schwellenländern gewachsen. Zum Beispiel hat der Umsatz in Brasilien, Indien, China und Russland zugenommen. Die wirtschaftliche Lage in Brasilien erholt sich weiterhin. In Indien kamen auch Impulse von unserem 2018 eröffneten Werk für Kühl- und Gefriergeräte. China hat sich mittlerweile zu einer stabilen und reifen Volkswirtschaft entwickelt. Das bedeutet für uns, dass wir als Qualitätshersteller dort heute noch größere Chancen sehen, als bisher. Deshalb investieren wir dort auch weiterhin. Im letzten Jahr haben wir beispielsweise ein Montagewerk für unsere Verzahntechnik und Automationssysteme in Yongchuan eröffnet. Natürlich ist auch Russland traditionell ein sehr wichtiger Markt für uns.

Wie beurteilen Sie das Betriebsergebnis?

Isolde Liebherr: Insgesamt sind wir zufrieden. Wir erwarten aber, dass sich unsere hohen Investitionen der vergangenen Jahre in Zukunft deutlicher im Ergebnis niederschlagen werden.

Was waren aus Ihrer Sicht Highlights und wichtige Meilensteine im Jahr 2019?

Jan Liebherr: Ganz klar die Bauma, die Weltleitmesse für Baumaschinen. Ich bekomme auch heute noch immer wieder positives Feedback zum Liebherr-Auftritt und zu den vorgestellten Produktneuheiten. Beispielsweise zur Generation 8 der Raupenbagger, zu den elektrischen Fahrmischern der ETM-Reihe oder zum LB 16 unplugged, dem weltweit ersten akkubetriebenen Großdrehbohrgerät. Wir haben bei unseren Besuchern einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Ein Meilenstein für unsere Sparte Erdbewegung war in 2019 sicherlich auch der Umsatz- sowie der Stückzahlrekord. Wir haben sowohl bei den Erdbewegungsgeräten als auch in der Materialumschlagtechnik einen großen Schritt nach vorn gemacht.

Stéfanie Wohlfarth: Mein Großvater, Hans Liebherr, hat vor rund 70 Jahren das Patent für den ersten mobilen Turmdrehkran, den TK 10, angemeldet. Kurz nach der Bauma 2019 war das entsprechende Jubiläum. Auf der Messe zu sehen, was sieben Jahrzehnte später aus seiner ersten Erfindung geworden ist, war ein sehr emotionaler Moment. Ein echter Meilenstein im Bereich Turmdrehkrane war die Vorstellung eines Faserseils, das als Alternative zum herkömmlichen Stahlseil aufgrund der Gewichtseinsparung höhere Traglasten ermöglicht und langlebiger ist. Darüber hinaus war die Übernahme der Vertriebsregion Australien und Neuseeland von unserem dortigen Turmdrehkran-Händler ein wichtiger Schritt.

Isolde Liebherr: Die Bauma ist für uns alle natürlich immer ein herausragendes Ereignis. Aber auch die Inbetriebnahme unseres Schwerlast-Portalkrans TCC 78000 in Rostock war für mich ein Highlight. Der Kran ist mit seinen 164 Metern Höhe ein richtiges Wahrzeichen der Stadt geworden. Insgesamt hat sich der Bereich Port Equipment im letzten Jahr sehr gut entwickelt, bei den Hafenmobilkranen sind wir Marktführer und auch die Containerkrane aus unserem Werk in Killarney sind sehr gefragt.

Unser Nenzinger Werk hat ebenfalls ein erfolgreiches Geschäftsjahr hinter sich. Besonders gut lief der Absatz von Hydro-Seilbaggern und Spezialtiefbaugeräten. Auch die Tatsache, dass wir in diesem Produktsegment spezielles Know-how im Bereich der Anbauwerkzeuge aufgebaut haben kommt im Markt sehr gut an.

Bei unseren Hotels war der erneute Rekordumsatz des „The Europe“ in Irland ein schöner Erfolg. Auch die Auszeichnung zur Aufnahme in die „Legend Collection“, zu der weniger als 100 ausgewählte Hotels gehören, war eine große Ehre. Insgesamt war es für alle unsere sechs Hotels ein gutes Jahr.

Willi Liebherr: Mich hat im letzten Jahr auch die Paris Air Show, die größte Luftfahrtmesse der Welt, wieder begeistert. Wir haben in Paris einige Auszeichnungen unter anderem von Airbus und Embraer erhalten. Während der Messe haben wir außerdem unsere Systeme für die Boeing 777X präsentiert.

Darüber hinaus konnten wir in 2019 in Kooperation mit der Firma Krone das neu entwickelte Trailer-Kühlsystem Celsineo vorstellen. Eine tolle Innovation für den temperaturgeführten Straßengüterverkehr.

Ein weiteres Highlight für mich waren Innovationen aus unserer Mining-Sparte. Wir haben auch in diesem Bereich viel Aufwand in die Elektrifizierung unserer Produkte gesteckt. Das Ergebnis war beispielsweise der elektrische Miningbagger R 9200 E oder der dieselelektrische Muldenkipper T 236. Diese Maschinen sind ein weiterer Schritt auf dem Weg hin zur „Zero Emission Mine“.

Und noch ein paar Worte zu den Fahrzeugkranen: Hier haben wir ebenfalls einen Umsatzrekord erzielt. Aber wichtiger sind mir an dieser Stelle die Produktneuerungen, wie beispielsweise der Prototyp des neuen Schwerlastkranes LTM 1650-8.1 oder Lösungen, die die Arbeitssicherheit erhöhen. So zum Beispiel zahlreiche Assistenzsysteme oder eine Fernsteuerung, die es erlaubt, einen Raupenkran von außen zu steuern.

Hans Liebherr hat vor 70 Jahren das Patent für den ersten mobilen Turmdrehkran, den TK 10, angemeldet.

Stéfanie Wohlfarth

Jan Liebherr: Die Komponenten-Sparte hat sich ebenfalls gut entwickelt. Auch das Drittkundengeschäft hat zugenommen. Wir sehen hier, dass sich die Investitionen der vergangenen Jahre auszahlen. Wir haben unsere Dieselmotoren und Einspritzsysteme in den letzten Jahren konstant weiterentwickelt und neue Modelle angeboten. Darüber hinaus arbeiten wir an der Entwicklung immer leichterer Komponenten. Die Entwicklung eines Zylinders mit CFK-Anteil bedeutete für uns viel Grundlagenforschung. Heute haben wir erste Prototypen im Feldtest und sind sehr stolz darauf.

Stéfanie Wohlfarth: Im Bereich Kühlen und Gefrieren waren wir ebenfalls erfolgreich. Wir haben erstmals einen Bruttoumsatz von einer Milliarde Euro erreicht. Ein weiterer wichtiger Meilenstein war die Eröffnung unseres Kundenzentrums in Ochsenhausen und die Bündelung der Vertriebsaktivitäten in Deutschland durch die neu gegründete Liebherr-Hausgeräte Vertriebs-und Service GmbH. In der Verzahntechnik zählte sicherlich die Branchenleitmesse EMO in Hannover sowie die Integration der Verzahnungsmesstechnik in unser Portfolio zu den Highlights. Die Sparte wird in Zukunft ganzheitliche Prozesslösungen beim Verzahnen anbieten können.

Was waren die besonderen Herausforderungen im letzten Jahr?

Stéfanie Wohlfarth: Bei einer Firmengruppe mit einem so vielfältigen Produktprogramm sind auch die Herausforderungen vielfältig. Spartenübergreifend mussten wir uns mit dem Thema Materialbeschaffung auseinandersetzen. Insbesondere mit Blick auf unser Wachstum war das nicht einfach. Wir haben viel mit unseren Lieferanten gesprochen und mussten Lieferungen enger takten und noch stärker koordinieren.

Willi Liebherr: Das Jahr über waren Themen wie der Brexit oder der Handelskrieg zwischen China und den USA in den Medien sehr präsent und haben für Unsicherheiten gesorgt. Wir sind dennoch um rund 12 % gewachsen. Das bedeutet für mich, dass wir gesamthaft verhältnismäßig resistent gegen derartige Entwicklungen sind.

Viele Unternehmen beklagen einen Fachkräftemangel. In wieweit bekommt Liebherr die Auswirkungen zu spüren?

Isolde Liebherr: In manchen Fachgebieten - beispielsweise im IT-Bereich - fällt es auch uns zusehends schwerer, entsprechend qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden. Das ist für wachsende Unternehmen, die vermehrt auch einen Fokus auf digitale Technologien setzen, natürlich ein Problem. Im Großen und Ganzen muss man aber sagen, dass wir an den meisten Standorten wenig Schwierigkeiten haben, vor allem dort, wo wir schon lange ansässig sind. Liebherr wird nach wie vor als attraktiver Arbeitgeber gesehen. Und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bleiben über viele Jahre hinweg im Unternehmen – was uns sehr stolz macht.

Willi Liebherr: Dass viele Beschäftigte ein Leben lang bei uns bleiben, liegt sicherlich auch daran, dass wir ihnen einen großen Handlungsspielraum ermöglichen. Bei uns sind Eigeninitiative und unternehmerisches Denken ganz wichtig und wir geben jedem auch die entsprechend großen Freiräume dafür. Das sorgt für Motivation. Nichtsdestotrotz gehen wir auch die Talentsuche aktiv an, beispielsweise an den Hochschulen. Die Bekanntheit und Attraktivität unserer Arbeitgebermarke muss natürlich vor allem an den Standorten noch aufgebaut werden, wo wir noch nicht so lange präsent sind.

Ein Thema, das gerade der jungen Generation wichtig ist, ist der gesellschaftliche Beitrag eines Unternehmens. Frau Wohlfarth, Herr Liebherr, wie würden Sie diesen für die Firmengruppe beschreiben?

Stéfanie Wohlfarth: Unser Beitrag im engeren Sinne ist es natürlich, dass wir Arbeitgeber für über 48.000 Beschäftigte und deren Familien sowie Partner von zahlreichen Lieferanten und Kunden sind. Der damit verbundenen Verantwortung sind wir uns bewusst: Wir sind in der Pflicht, immer die Besten in unserer Klasse zu sein und mit Innovationen voranzugehen. Gleichzeitig müssen wir unser Unternehmen konstant und stabil weiterentwickeln. Im weiteren Sinne tragen wir nicht nur zu Beschäftigung bei, sondern zur Lösung gesellschaftlicher Aufgaben.

Unsere Produkte helfen dabei, dass Menschen mobil sein können, egal ob auf der Straße, der Schiene, auf See oder in der Luft.

Jan Liebherr

Jan Liebherr: Das stimmt. Unsere Produkte helfen dabei, dass Menschen mobil sein können, egal ob auf der Straße, der Schiene, auf See oder in der Luft. Mit unseren Maschinen werden Bauwerke und Infrastruktur erschaffen, Rohstoffe und Energie für die Menschen geliefert, Lebensmittel oder beispielsweise Medikamente gelagert. Unsere Technologien ermöglichen den Warenumschlag in Häfen und kommen in der Land- und Forstwirtschaft zum Einsatz. Unsere Produkte begleiten das tägliche Leben eines jeden von uns. Sie stiften damit nicht nur direkten Nutzen für unsere Kunden, sondern auch für die Allgemeinheit.

Was werden auf lange Sicht die Herausforderungen für die Firmengruppe sein?

Jan Liebherr: Wir müssen es schaffen, weiterhin Innovationstreiber zu sein. Der Name Liebherr steht für Spitzentechnologie. Das muss auch in Zeiten immer schneller werdenden Wandels gelten. Technologisch sind wir extrem breit aufgestellt. Wir haben unheimlich viel Know-how in der Firmengruppe und können Trends setzen. Das müssen wir beibehalten. Die Herausforderung wird dabei sein, unsere Aktivitäten auf den unterschiedlichen Gebieten zentral zu koordinieren und noch mehr Synergien als bisher zu heben.

Stéfanie Wohlfarth: Bei alldem ist es wichtig, dass wir immer unsere Kunden im Fokus haben. Wir müssen uns permanent fragen, was welcher Kunde in welchem Markt benötigt und dafür immer die richtige Antwort parat haben. Das ist bei der Vielzahl der Branchen und Länder, in denen wir uns bewegen, eine große Herausforderung. Und durch die Geschwindigkeit und Volatilität, die die Märkte heute kennzeichnen, neigt man dazu, ad-hoc schnelle Entscheidungen treffen zu wollen. Hier müssen wir den Weitblick und eine ruhige Hand beibehalten. Wir zielen auch weiterhin ab auf ein nachhaltiges, besonnenes Wirtschaften und eine konstante Unternehmensentwicklung. Wir wollen sicherlich kein Wachstum um jeden Preis.

Geben Sie uns abschließend noch einen Ausblick auf das laufende Geschäftsjahr?

Willi Liebherr: Vor dem Auftreten des Coronavirus sind wir von stabilen Umsätzen für das Geschäftsjahr 2020 ausgegangen. Mittlerweile müssen wir damit rechnen, dass es in Folge der Pandemie zu Umsatzrückgängen kommen wird. Zu den Stärken unserer Firmengruppe zählen ihre finanzielle Unabhängigkeit, die dezentrale Unternehmensstruktur und die breite Diversifikation nach Ländern und Märkten. Gerade für Herausforderungen, wie sie die Zeit während und nach der gegenwärtigen Pandemie bereithalten wird, ist unsere Firmengruppe dadurch gut vorbereitet.

Vielen Dank für das Gespräch und die interessanten Einblicke!

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