6 Minuten - Magazin 01 | 2026

Upgrade in den Alpen

In den Schweizer Alpen ist im Herbst ein Jahrhundertprojekt fristgerecht zu Ende gegangen. Nach fünfjähriger Bauzeit wurde am Grimsel-Stausee im Berner Oberland, auf knapp 2.000 Metern Höhe, eine neue, monumentale Mauer fertiggestellt.

Ein Jahrhundertprojekt zwischen Fels und Eis

Die Dimensionen beeindrucken – optisch wie technisch. Für die über 100 Meter hohe, horizontal und vertikal gekrümmte Staumauer wurden mehr als eine halbe Million Tonnen Beton in die Schalungen befördert. Den Abschluss der Arbeiten markierte der Einsatz eines Liebherr-Mobilkrans, der den letzten der großen Baukrane demontierte.

Solide: Die gewaltigen Sockel der Krane wurden eigens für dieses Vorhaben konstruiert. Die fest verankerten Stahlelemente waren so ausgelegt, dass sie selbst einem Lawinenabgang standgehalten hätten. Ramon Goglione ist einer der Bauführer des Projekts.

Wer in der Schweiz den Grimselpass hinauffährt, dem eröffnet sich ein atemberaubendes Panorama. Während man die Serpentinen erklimmt, tauchen kurz vor dem Bergrücken die beiden gewaltigen Mauern des Grimsel- Stausees auf. Die rechte Bogenmauer ist eine mächtige Konstruktion, die mit ihrer enormen Breite und Höhe beeindruckt. Sie erstreckt sich an ihrer Krone über 200 Meter weit zwischen den Berghängen und wirkt wie eine steinerne Wand, die das Tal abschließt. Seit den 1930er-Jahren wird das gespeicherte Wasser zur Stromproduktion genutzt. Beinahe 100-jährig, war das alte Bauwerk stark sanierungsbedürftig. Anstelle von Abriss und Neubau entschieden sich die Schweizer für ein visionäres Konzept: eine neue Mauer direkt vor der alten.

Ramon Goglione, Bauführer.

Stromproduktion ohne Unterbrechung

„Meines Wissens ist es das erste Mal überhaupt, dass eine zweite Staumauer vor eine bestehende gebaut wurde“, erzählt Ramon Goglione bei unserem Treffen auf der Baustelle. Er gehört zur Baustellenleitung der ARGE Grimsel, die aus Frutiger AG, Implenia Schweiz AG und der Ghelma AG Baubetriebe besteht. „So konnte der Stausee während der fünfjährigen Bauzeit weiter genutzt werden. Aufgrund der weiterlaufenden Stromgewinnung war das wirtschaftlicher, als die alte Mauer abzureißen und zu ersetzen“, berichtet der junge Bauführer. Im Winter 2024/25 wurde der See schließlich abgelassen und die alte Mauer an einer Stelle auf einer Fläche von wenigen Quadratmetern durchbrochen. Künftig wird sie von den Wassermassen umschlossen im See stehen.

Auftakt am Grimselsee: Zu Beginn der Bauarbeiten für die neue Staumauer im Jahr 2019 setzte ein LTM 1130-5.1 der Frutiger AG die Container für die Unterkünfte der Bauarbeiter.

Nach Abschluss der Arbeiten steht für Goglione und das gesamte Bauteam nun der Rückbau der Baustelle an. Betonfundamente und Montageflächen müssen verschwinden – rund 3.000 Kubikmeter Beton müssen abgetragen werden, bevor hier oben im Oktober der Winter Einzug hält. Nach Jahren im Einsatz werden nun auch die imposanten Krane demontiert, die das Bild der Baustelle so eindrucksvoll geprägt haben. „Vor vier Jahren haben wir die Wippauslegerkrane aufgestellt, heute bauen wir den letzten ab – mit unserem LTM 1650-8.1“, erklärt Michael Egger, Geschäftsführer der Emil Egger AG aus St. Gallen. „Der Kran steht mit einer Systemlänge von über 130 Metern bereit. Mit Mastverlängerung und 63 Meter langer Wippspitze.“ Egger ist an diesem Morgen auch zum Grimselsee hochgefahren. „Die Demontage dauert mehrere Tage, denn das Turmsystem ist komplett geschraubt. Zum Schluss müssen wir dann die massiven Krantürme für den Straßentransport noch in Einzelteile zerlegen.“

Geflutet: Die beinahe hundert Jahre alte Staumauer wurde durchbrochen und steht künftig im Wasser des alpinen Stausees.

Michael Egger: „Hier in den Bergen ist die Bauzeit von Mai bis Oktober sehr kurz. Deswegen musste die gesamte Logistik sehr effizient aufgestellt sein.“

„Bärenstark und kompakt“

Zur Unterstützung ist ein zweiter Liebherr-Mobilkran mit vor Ort. „Der LTM 1150-5.3 verlädt die demontierten Baukranteile und hat am großen Mobilkran auch die lange Gitterspitze angebaut“, sagt Egger und blickt zu seinem großen Fahrzeugkran, der sich in die Höhe reckt. „Der LTM 1650-8.1 ist für solche Einsätze perfekt. Als 8-Achser ist der Kran ausreichend kompakt, um ihn, wie hier, auf engen Gebirgsbaustellen gut einsetzen zu können. Für die Anfahrt musste er nicht demontiert werden, da auf der Strecke 12 Tonnen Achslast zugelassen sind. Wenn nötig, können wir den Hauptmast separat transportieren, sodass der Kran nur noch etwas mehr als 50 Tonnen wiegt. Das ist für uns oft wichtig.“

Stahl und Fels: Der große Wippausleger des Baukrans wird für die Demontage an schwere Ketten gehängt.

Mauer mit Ausbaureserve

Inzwischen ist es wieder still am Grimsel. Der Winter naht. Krane, Arbeiter und Baumaschinen sind abgerückt. Das fertige Bauwerk steht – selbst stark wie ein Fels – zwischen den steilen Bergflanken. Kein Baulärm ist mehr zu hören. Allerdings könnte diese Ruhe trügerisch sein.

Denn es gibt schon lange Pläne, die Wassersperre zu erhöhen. Eine Aufstockung um 23 Meter wird in der Schweiz seit Jahren diskutiert und auch vor Gerichten verhandelt. „Die Statik der neuen Mauer ist dafür ausgelegt“, bestätigt Ramon Goglione. Für den Betreiber des Stausees, die Kraftwerke Oberhasli AG, würde dadurch die Speicherkapazität immens vergrößert. Man könnte im Winter deutlich mehr Strom produzieren. Allerdings würde diese Maßnahme das Landschaftsbild auch markant verändern. Teile der Seeuferlandschaft und des Gletschervorfelds müssten überflutet und ein Abschnitt der Grimselpassstraße verlegt werden.

Ob es tatsächlich so weit kommt, ist offen. Sicher ist jedoch: Die Mauer am Grimsel steht dafür bereit. Vielleicht wird sie eines Tages wieder Schauplatz eines großen Liebherr- Einsatzes sein.

Dieser Artikel erschien im UpLoad Magazin 01 | 2026.

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