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Interview mit den Familiengesellschaftern

Jan Liebherr, Präsident des Verwaltungsrates der Liebherr-International AG, und die Verwaltungsratsmitglieder Patricia Rüf und Sophie Albrecht blicken auf das Geschäftsjahr 2025 zurück, ordnen die Höhepunkte der Bauma ein und geben Einblick in die langfristige Ausrichtung der Firmengruppe.

Welche Momente waren für Sie persönlich besonders prägend im vergangenen Geschäftsjahr?

Jan Liebherr:

2025 war reich an Momenten, die zeigen, wie innovativ und zukunftsorientiert unsere Firmengruppe aufgestellt ist. Besonders prägend waren für mich zwei internationale Leitmessen. Auf der Paris Air Show haben wir zukunftsweisende Technologien vorgestellt und eindrücklich gezeigt, welche Rolle wir heute als verlässlicher Technologiepartner der internationalen Luftfahrtindustrie einnehmen. Und selbstverständlich war die Bauma 2025 ein zentrales Ereignis: Mit über 100 Exponaten und zahlreichen praxistauglichen Innovationen haben wir deutlich gemacht, welchen Beitrag wir zu mehr Effizienz, Sicherheit und Nachhaltigkeit in der Bau- und Bergbauindustrie leisten.

Patricia Rüf:

Sehr eindrücklich waren für mich außerdem die vielen Fortschritte und Meilensteine an unseren Standorten. In Ehingen-Berg in Deutschland haben wir zum Beispiel mit dem Spatenstich für eine Werkserweiterung ein wichtiges Kapitel für die Zukunft des Krangeschäfts aufgeschlagen. In Brasilien ist der Startschuss zur Erweiterung der Fläche für die Produktionsgesellschaft von Liebherr-Aerospace erfolgt. In den USA haben wir an unserem Standort Saline in Michigan ein neues Gebäude eröffnet und dadurch unsere Kundendienst-Kapazitäten in der Luftfahrttechnik weiter ausgebaut. Und in Rostock, Deutschland, durften wir die Produktion des 2.000. Hafenmobilkrans von Liebherr feiern.

Sie haben eben die Bauma als zentrales Ereignis erwähnt. Können Sie näher auf die Innovationen eingehen, die die Firmengruppe dort präsentiert hat? Mit welchen Technologien und Lösungen hat sich Liebherr beschäftigt?

Sophie Albrecht:

Unter dem Motto „Hands on the future“ haben wir konkrete Lösungen für die Baustelle und die Bergbauindustrie von morgen präsentiert und unsere „Machermentalität“ auf den Punkt gebracht. Noch nie zuvor haben wir eine derart breite Palette an alternativen Antriebstechnologien gezeigt, darunter den wasserstoffbetriebenen Großradlader L 566 H, den vollelektrischen Seilbagger HS 8100.2 dual power, den Mobilkran LTM 1150-5.4E und den batterieelektrischen Muldenkipper T 264. Hinzu kamen intelligente Assistenzsysteme für Schnelleinsatzkrane und die neue Generation der Mischanlagen-Baureihe Mobilmix mit weiter reduziertem Energieverbrauch. Insgesamt unterstreichen diese Entwicklungen unseren Anspruch, Produktivität, Sicherheit und Nachhaltigkeit konsequent weiterzuentwickeln.

Patricia Rüf:

Die Auszeichnung mit dem Innovationspreis des Systems „Liebherr Autonomous Operations“ für unseren autonom arbeitenden Radlader war dabei eine weitere wichtige Bestätigung unseres Weges. Die Bauma war für uns insgesamt weit mehr als eine Produktschau: Sie hat gezeigt, wie wir die technologische Transformation unserer Branche aktiv mitgestalten.

Welches Feedback von Kunden und Partnern hat Sie auf der Bauma am meisten gefreut?

Sophie Albrecht:

Der Austausch mit unseren Kunden war ausgesprochen positiv und sehr inspirierend für uns. Besonders gefreut hat uns, wie häufig die Praxistauglichkeit und Zuverlässigkeit unserer Maschinen sowie die Vielzahl unserer alternativen Antriebskonzepte hervorgehoben wurden. Das große Interesse an unseren digitalen Services und Connectivity-Lösungen zeigt zudem, dass die Verbindung von Hard- und Software für viele Kunden zunehmend zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor wird.

Das Jahr 2025 war anspruchsvoll und genau deshalb ein Beleg für die Stärke und Widerstandsfähigkeit unserer Firmengruppe.

Jan Liebherr, Präsident des Verwaltungsrates der Liebherr-International AG

Wie bewerten Sie die Geschäftsentwicklung 2025 insgesamt und welche Faktoren waren Ihrer Meinung nach ausschlaggebend dafür?

Jan Liebherr:

Das Jahr 2025 war anspruchsvoll und genau deshalb ein Beleg für die Stärke und Widerstandsfähigkeit unserer Firmengruppe. Wir mussten auf handelspolitische Maßnahmen, eine verhaltene Konjunktur sowie zunehmenden Wettbewerbsdruck in mehreren Produktsegmenten reagieren. Trotz dieser Rahmenbedingungen ist es uns gelungen, das Umsatzniveau stabil zu halten und ein solides Betriebsergebnis zu erzielen. Gleichzeitig haben wir unsere Investitionen auf dem Niveau der beiden Vorjahre fortgeführt.

In welchen Produktsegmenten hat sich Liebherr besonders dynamisch entwickelt?

Patricia Rüf:

Äußerst positiv ist das Jahr im Spezialtiefbau verlaufen, vor allem dank der anhaltenden Investitionen im Infrastruktur- und Energiesektor. Auch bei den maritimen Kranen hat sich der Wachstumstrend fortgesetzt; die Nachfrage war in mehreren Regionen sehr solide. Im Segment Aerospace und Verkehrstechnik liefen die Geschäfte ebenfalls gut, zuletzt zusätzlich unterstützt durch die steigende Nachfrage nach Schienenfahrzeugen. Und nach einem schwierigen Vorjahr konnten auch die Turmdrehkrane wieder an Wachstum anknüpfen.

Sophie Albrecht:

Demgegenüber haben wir im Bereich Baumaschinen und Mining gesamthaft rückläufige oder stagnierende Umsätze verzeichnet. Belastend wirkten sich die globalen Rahmenbedingungen und die damit verbundene verhaltene Investitionsbereitschaft aus, die einzelne Produktsegmente direkt beeinträchtigten. Insgesamt sind wir mit der Geschäftsentwicklung der Firmengruppe zufrieden.

Welche Absatzmärkte haben Sie überrascht – und warum?

Jan Liebherr:

Überraschend stark haben sich verschiedene außereuropäische Märkte entwickelt. In Mittel- und Südamerika, Teilen Asiens und Ozeaniens sowie in der Region Afrika, Naher und Mittlerer Osten war die Nachfrage robuster als erwartet. In mehreren Ländern zeigt sich derzeit eine Stabilisierung.

Patricia Rüf:

Dagegen leiden wichtige Kernmärkte wie Deutschland, Frankreich oder das Vereinigte Königreich weiterhin unter einer schwachen Konjunktur. In Deutschland setzen Initiativen wie der „Bau-Turbo“ oder das 500-Milliarden-Euro-Infrastrukturprogramm zwar wichtige Impulse, ihre Wirkung wird jedoch erst zeitverzögert spürbar sein und hängt von einer konsequenten Umsetzung ab. In den USA spüren wir die Auswirkungen der handelspolitischen Maßnahmen.

Unternehmen müssen sich mit geopolitischen Spannungen und handelspolitischen Maßnahmen auseinandersetzen. Welche Auswirkungen waren bei Liebherr im letzten Jahr zu spüren?

Jan Liebherr:

Politische Agenden, Konflikte und die damit einhergehenden handelspolitischen Eingriffe beeinflussen die Geschäftstätigkeit in vielen Branchen. Sie setzen die Rahmenbedingungen für den internationalen Handel, können Lieferketten beeinträchtigen und Warenimporte verteuern. In Übergangsphasen entsteht an den Märkten Unsicherheit. In einem solchen Klima werden Investitionen aufgeschoben, um keine Risiken einzugehen. Das bestätigen uns auch unsere Kunden.

Sophie Albrecht:

Konkreten Einfluss auf unsere Geschäftstätigkeit hatten beispielsweise die jüngsten US-Zölle. Die Vereinigten Staaten sind für Liebherr der zweitgrößte Absatzmarkt und seit 55 Jahren ein zentraler Standort mit langjährigen Kundenbeziehungen. Kurzzeitig haben wir bestimmte Produkte nicht in die USA geliefert. Inzwischen läuft der Export wieder regulär. Gleichwohl führen die zusätzlichen Zölle zu Mehrkosten und veranlassen viele Kunden, Investitionen zurückhaltender zu planen. Entsprechend passen wir unsere Prozesse an, sichern unsere Lieferketten ab und bleiben eng an unseren Märkten und Kunden, um weiterhin verlässlich liefern zu können.

Handelsabkommen, stabile internationale Partnerschaften und klare Regelwerke schaffen faire Wettbewerbsbedingungen und ermöglichen Innovationen.

Patricia Rüf, Verwaltungsratsmitglied der Liebherr-International AG

Neben geopolitischen Faktoren wird die Branche auch durch aggressiven Wettbewerb mitbestimmt. Welche Schritte plant Liebherr, um seine Marktposition in diesem komplexen Umfeld zu sichern?

Jan Liebherr:

Wettbewerb ist grundsätzlich etwas Positives. Die besten Innovationen entstehen im Wettbewerb. Aber es muss gerecht zugehen. Das ist in vielen Märkten derzeit nicht gewährleistet, was ebenfalls auf politisch motivierte Eingriffe in den Handel zurückzuführen ist. Liebherr stellt sich diesen Marktbedingungen mit Klarheit und Haltung. Wir bauen auf Stärken, die unsere Firmengruppe seit Jahrzehnten prägen: verlässliche und langlebige Produkte, Innovationskraft, ein globales Service- und Vertriebsnetz und eine starke Marke. Unsere dezentrale Struktur sorgt für Marktnähe und Anpassungsfähigkeit.

Patricia Rüf:

Getragen wird dies von unseren engagierten Mitarbeitenden und einem langfristigen Denken, das jede unternehmerische Entscheidung leitet. Aus unserer Sicht braucht es auch die Politik und Spitzenverwaltung auf nationaler und supranationaler Ebene, um wirtschaftsfördernde Rahmenbedingungen zu schaffen. Handelsabkommen, stabile internationale Partnerschaften und klare Regelwerke schaffen faire Wettbewerbsbedingungen und ermöglichen Innovationen.

Trotz dieser Rahmenbedingungen haben Sie wie erwähnt im Jahr 2025 wieder stark investiert. Was war die Motivation dahinter und welche Investitionen haben Sie getätigt?

Sophie Albrecht:

Wir investieren gezielt in unsere operative Leistungsfähigkeit und legen so die Grundlage für zukünftiges Wachstum. So haben wir in Ehingen-Berg ein großes Grundstück erworben, um der steigenden Nachfrage nach Mobil- und Raupenkranen gerecht zu werden. Ebenfalls in Deutschland haben wir unsere Komponentenfertigung ausgebaut, etwa mit dem neuen Hydraulikzylinder-Werk in Oberopfingen und Investitionen in die Großwälzlagerproduktion in Biberach an der Riß. Auch international stärken wir unsere Kapazitäten konsequent. Beispiele hierfür sind unsere Produktions- und Montagekapazitäten in Bulgarien, die Erweiterung der Produktion von Flugzeugkomponenten in Brasilien sowie neue Logistik- und Serviceinfrastrukturen in den USA. Als unabhängiges Familienunternehmen verfügen wir über die notwendige Handlungsfreiheit, um selbst in einem fordernden Marktumfeld kontinuierlich zu investieren.

Die Digitalisierung ist heute ein zentraler Treiber für Effizienz und Innovation. Wo und wie setzt Liebherr digitale Technologien ein und welche Initiativen wurden gestartet, um hier eine Vorreiterrolle einzunehmen?

Patricia Rüf:

Für uns ist Digitalisierung ein zentraler Hebel, um Effizienz, Sicherheit und Nachhaltigkeit weiter zu steigern. Wir entwickeln Lösungen, die Arbeitsabläufe vereinfachen und unsere Maschinen noch sicherer und leistungsfähiger machen. Beispiele hierfür sind Assistenzsysteme, Fernsteuerungslösungen oder autonome Produkte. Vor diesem Hintergrund treiben wir den Einsatz von KI gezielt voran – sowohl zur Optimierung interner Prozesse als auch zur Weiterentwicklung von Produkten und Dienstleistungen für unsere Kunden.

Wie beeinflussen die aktuellen unsicheren regulatorischen Rahmenbedingungen in der EU die Nachhaltigkeitsaktivitäten von Liebherr: Risiko oder die Gelegenheit, eigene Standards zu setzen?

Jan Liebherr:

Wir sehen die Unsicherheit als Chance. Die Anforderungen an Nachhaltigkeit werden weltweit weiter steigen und wir wollen darauf vorbereitet sein. Deshalb schaffen wir mit freiwilliger Berichterstattung Transparenz über unsere Geschäftsaktivitäten und werden im Juni 2026 unsere erste umfassende Nachhaltigkeitserklärung veröffentlichen – orientiert an den neuen europäischen Berichtsstandards. Für uns ist Nachhaltigkeit nicht nur eine formale Anforderung, sondern integraler Bestandteil unseres unternehmerischen Handelns.

Was haben Sie im vergangenen Jahr im Bereich Nachhaltigkeit vorangebracht?

Sophie Albrecht:

Wir haben letztes Jahr vor allem bei unseren Nachhaltigkeitsdaten große Fortschritte erzielt. Erstmals legen wir nun auch jene Treibhausgasemissionen offen, die nicht in unserer eigenen Produktion, sondern entlang der gesamten Wertschöpfungskette entstehen. Die Erhebung dieser Daten ist anspruchsvoll, da viele Informationen außerhalb unseres direkten Einflussbereichs liegen und erst gemeinsam mit Partnern und Kunden verfügbar gemacht werden können. Um hier systematisch voranzukommen, haben wir ein übergreifendes Projekt gestartet, in dem wir zentrale Themen wie die Europäische Entwaldungsverordnung, das CO2-Grenzausgleichssystem und die CO2-Berechnung zentral bündeln. Dies alles ist mit einem hohen Aufwand verbunden und gelingt nur Schritt für Schritt. Langfristig wird uns diese Arbeit aber sowohl im Nachhaltigkeitsmanagement als auch im operativen Geschäft deutlich weiterbringen.

Wer zu uns kommt, soll Verantwortung übernehmen, Ideen vorantreiben und Lösungen selbst gestalten können.

Sophie Albrecht, Verwaltungsratsmitglied der Liebherr-International AG

Welche Maßnahmen ergreift Liebherr, um qualifizierte Mitarbeitende zu gewinnen, und warum entscheiden sich Talente für Ihr Unternehmen?

Patricia Rüf:

Der Wettbewerb um qualifizierte Mitarbeitende bleibt intensiv. Entscheidend ist daher, auch weiterhin klar sichtbar zu machen, wofür Liebherr steht: für anspruchsvolle Aufgaben und faszinierende Technik, für Zuverlässigkeit, starken Teamgeist und große Handlungsfreiräume. Diese Freiräume eröffnen individuelle Entwicklungsperspektiven. Entsprechend investieren wir gezielt in Ausbildung, duale Studiengänge, internationale Entwicklungsmöglichkeiten sowie in Weiterbildung und gezielte Umschulung. So schaffen wir Perspektiven und begleiten unsere Mitarbeitenden langfristig in ihrer beruflichen Entwicklung.

Sophie Albrecht:

Wer zu uns kommt, soll Verantwortung übernehmen, Ideen vorantreiben und Lösungen selbst gestalten können. Diese unternehmerische Kultur ist seit jeher Teil unserer DNA und wird von vielen als besonderer Mehrwert wahrgenommen. Sie überzeugt viele Talente, sich für Liebherr zu entscheiden und der Firmengruppe oft über viele Jahre treu zu bleiben.

Werfen wir abschließend noch einen Blick auf das laufende Geschäftsjahr: Wie sehen Ihre Prognosen für 2026 aus?

Jan Liebherr:

Auf Basis unseres guten Auftragsbestands und der hohen Auftragseingänge zu Jahresbeginn gehen wir für das laufende Jahr von einer moderat positiven Entwicklung aus.

Patricia Rüf:

In einem von Unsicherheiten geprägten Umfeld kommen unsere Stärken besonders zum Tragen: unser enormes Produktprogramm und unsere internationale Präsenz. Beides gibt uns Stabilität und Handlungsspielraum. Auf dieser Basis investieren wir konsequent weiter und schaffen die Voraussetzungen für zukünftiges Wachstum.

Vielen Dank für das Gespräch.

Dieses Interview wurde im März 2026 geführt.

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Entwicklung und Ausblick

Im Geschäftsjahr 2025 erzielte Liebherr einen Gesamtumsatz von 14.772 Mio. €, was gegenüber dem Vorjahr einer Steigerung von 1,0 % entspricht. Die Firmengruppe beschäftigte 55.963 Mitarbeitende und somit 2,3 % mehr als im Jahr 2024.